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20.11.2014

Africa Mercy: Mehr als ein Schiff

Seit 27 Jahren ist der amerikanische Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichts-Chirurgie Dr. Gary Parker mit der Hilfsorganisation Mercy Ships unterwegs. Eigentlich wollte er nur drei Monate als Medical Volunteer auf der ‚Anastasis’, dem ersten Mercy Schiff, anheuern und arbeiten. Geblieben ist Dr. Parker ein „halbes Leben“, lernte an Bord seine Frau Susan kennen und zog mit ihr gemeinsam zwei Kinder groß. Seit 1997 ist der MKG-Chirurg Chief Medical Officer, zunächst auf der ‚Anastasis‘ und seit 2007 auf der ‚Africa Mercy‘, dem weltweit größten privaten Hospitalschiff mit durchschnittlich 150 ärztlichen und zahnärztlichen Volunteers, davon alleine 20 bis 25 Zahnmediziner, mit fünf Operationssälen, Augen- und Zahnkliniken, mit Röntgenlabor und Apotheke sowie 82 Betten samt Intensivstation.

Innerhalb von sechs Jahren steuerte die ‚Africa Mercy‘ Benin, Togo, Sierra Leone und Guinea an, um dort mehrere Monate die Ärmsten der Armen in Westafrika zu behandeln. Während die Behandlungskosten  durch Spenden finanziert werden, tragen die Freiwilligen ihre Reisekosten und ihren Aufenthalt an Bord selbst - auch die MKG-Chirurgen, Orthopäden, Augen- und Zahnärzte sowie die (zahn-)medizinischen Fachkräfte.

Für Dürr Dental einer der vielen Gründe, sich seit über zehn Jahren für die Hilfsorganisation zu engagieren und sie mit Geldspenden, aber vor allem die Zahnkliniken des Hospitalschiffes mit Medizintechnik auszustatten. Erstmalig konnte die Redaktion von D’life mit Dr. Gary Parker über die ‚Africa Mercy‘ und über die Zukunftspläne der Hilfsorganisation sprechen:

D’life: Nach zehn Monaten Einsatz im Kongo haben Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter Anfang Juni im Hafen von Pointe Noire ihre Heimreise angetreten. Welchen Kurs hat die ‚Africa Mercy“ genommen und sind Sie an Bord geblieben?

Dr. Parker: Aufgrund der internationalen Seerechtsbestimmungen sind wir jedes Jahr dazu verpflichtet, einen Hafen anzulaufen, um Reparaturen und Inspektionen im Trockendock durchzuführen. In diesem Jahr sind wir in den Hafen von Las Palmas/Gran Canaria eingelaufen. Während dieser Zeit ist das Krankenhaus geschlossen, also nutzte ich die Gelegenheit, um nach Hause in die USA zu fliegen und meine Familie und Freunde zu besuchen.

Werden beim Aufenthalt in der Werft auch die medizinischen und zahnmedizinischen Einrichtungen überprüft und eventuell auf den neuesten Stand gebracht?

Ja, das ist die Zeit, in der Techniker aus vielen verschiedenen Unternehmen zum Schiff kommen und unsere Ausrüstung reparieren, warten oder auf den neuesten Stand bringen. Sie kümmern sich um hunderte Geräte, von CT- und Kegelstrahl-Scannern angefangen bis hin zu chirurgischen Instrumenten.

Sie leben mit Ihrer Frau auf der ‚Africa Mercy‘, auch mit Ihren beiden Kindern? Sind alle drei in Ihre respektive in die Arbeit des Hospitalschiffes eingebunden?

Unsere Tochter studiert mittlerweile in den USA und unser zweites Kind, ein Junge, lebt mit mir und Susan auf dem Schiff. Er besucht hier die Schule an Bord. Susan, die einen Masterabschluss in interkultureller Bildung hat, ist in das Crew-Training eingebunden und übernimmt spezielle Projekte für den Geschäftsführer des Schiffes.

Wenn man Tag für Tag mit 400 Besatzungsmitgliedern auf einem Schiff zusammen lebt, entstehen Stresssituationen. Wie bewältigen Sie die?

In der Tat, es gibt Stresssituationen, denn unsere Crew kommt aus rund 35 verschiedenen Ländern. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Leider ist der ‚Common Sense‘, der gesunde Menschenverstand, nicht immer „common“ und wir müssen hart arbeiten, um größere Konflikte zu vermeiden. Deshalb steht dieses Thema auch bei unseren Gemeinschaftsversammlungen regelmäßig auf der Agenda.

Welche Routine-Eingriffe gehören für den Facharzt für MKG-Chirurgie zum normalen Tagesablauf und wie häufig sind mittelschwere bis schwere chirurgische Eingriffe bei welchen Krankheitsbildern notwendig?

Die Chirurgen an Bord operieren mindestens fünf volle Tage pro Woche. Manchmal auch an Wochenenden, wenn Komplikationen auftreten und eine weitere Operation erforderlich ist. Meine MKG-Kollegen und ich benötigen ungefähr ein Drittel unserer Einsatzzeit, um Kinder und Erwachsene mit angeborenen Missbildungen, wie z. B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, zu operieren. Ein weiteres Drittel besteht aus Resektionen und Rekonstruktionen bei Tumoren im Ober- und Unterkiefer, Nacken und Kopf. Und das letzte Drittel besteht aus Rekonstruktionen, die nach Zerstörung des Gesichts durch die Krankheit Noma entstehen oder die eine totale Ankylose des Unterkiefergelenks bzw. eine Gelenk- Rekonstruktion erfordern.

Durch Behandlungen, Operationen etc. machen Sie den Menschen Mut und geben ihnen Lebensqualität zurück. Um die Ergebnisse zu bewahren, ist Nachsorge notwendig, ebenso wie Vorsorge und Aufklärung. Bleibt dafür Zeit und gibt es Möglichkeiten für Sie, z. B. die Nachsorge zu organisieren?

Zu meinen höchsten Prioritäten gehört der enge Kontakt zu den afrikanischen Chirurgen und deren Training.

Ich bringe ihnen Techniken bei, die in dem Sinne nachhaltig sind, dass sie Operationen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen durchführen können.

Darüber hinaus verringern wir einen Monat bevor die ‚Africa Mercy’ wieder ausläuft die Schwierigkeit der Operationen und verhindern damit, dass wir Patienten mit ernsten Komplikationen zurück lassen müssen. Um die Nachsorge kümmern sich dann die Chirurgen vor Ort, mit denen ich während des zehnmonatigen Aufenthalts zusammengearbeitet habe.

Gibt es Krankheitsbilder, die bei Kindern/Erwachsenen in Westafrika besonders häufig auftreten? Spielen die klassischen ‚Zivilisationskrankheiten‘ Karies und Parodontopathien überhaupt eine Rolle?

Orale Erkrankungen stehen ganz oben auf der Liste der Global Burden of Human Disease Study*). Weltweit leiden mehr Menschen an dentalen Erkrankungen als an irgendwelchen anderen Krankheiten. Afrika ist da keine Ausnahme: Zahnkaries und Parodontalerkrankungen sind auch in den Einsatzländern der ‚Africa Mercy’ weit verbreitet und Osteomyelitis mit dem Verlust von großen Teilen des Ober- und Unterkieferknochens ist ein großes Problem.

Es gibt ein Spektrum oraler Gesundheit, das von dentaler Ästhetik und guter Zahngesundheit über dentale Vernachlässigung und Erkrankung bis schließlich hin zum dentalen Tod durch Sepsis oder Erstickung durch dentale Infektionen oder Tumore reicht. Dentaler Tod ist in den armen Teilen der afrikanischen Gesellschaft eine Angelegenheit von hoher Bedeutung, weil Zahnpflege bzw. zahnärztliche Versorgung entweder physisch nicht verfügbar oder finanziell unerschwinglich ist.

Ein Schiff für zig Millionen Menschen in Westafrika - ist das nicht wie ein Tropfen auf den heißen Stein?

Das ist es in der Tat. Ich denke, dass ich immer einen Tag nach dem anderen sehen muss. Alles Gute für einen Patienten tun, der hilfesuchend zu mir kommt und dann zum nächsten weiter gehen. Wenn ich über die Millionen nachdenke, die Hilfe benötigen, ist es überwältigend. Aber für jeden Einzelnen, dem ich helfen kann, macht es einen großen Unterschied. Sie haben vielleicht schon mal das Sprichwort gehört: „Wir können nicht die ganze Welt ändern. Aber wir können die Welt für eine Person ändern und dann für die nächste und dann für die nächste.“

Vor Kurzem gab es die erfreuliche Nachricht, dass ein zweites Hospitalschiff im Bau sei und ab 2017 zur Verfügung stehen soll. Wird es ein Spiegelbild der ‚Africa Mercy‘ sein oder soll das Behandlungsspektrum erweitert werden?

Das neue Schiff wird ein wenig größer sein als die ‚Africa Mercy’ und wird verbesserte chirurgische Kapazitäten und Bildungsangebote haben. Wir werden fähig sein, die Arten und Mengen der Operationen zu erweitern und auszubauen. Das ist sehr aufregend.

Was sind im Moment Ihre größten Hoffnungen und Sorgen für Westafrika?

Zu diesem Zeitpunkt ist Ebola meine dringlichste Sorge. Dieser aktuelle Ausbruch in Westafrika ist beispiellos in seiner Größe und Dynamik. Es ist nicht möglich, auf der Basis vorheriger Ausbrüche in Zentralafrika die Auswirkungen/Ergebnisse vorherzusagen. Wir brauchen einen massiven Einsatz von der Weltgemeinschaft, um den Männern, Frauen und Kindern in Westafrika zu helfen. Außerdem werden auch die Menschen im Kongo Unterstützung benötigen, da dort ein neuer Ebola-Ausbruch gemeldet wurde.

Haben Sie eine spezielle Botschaft oder besondere Wünsche, die Sie an den Herausgeber von D’life und unsere Leser in Deutschland richten möchten? Was kann ein D‘life-Leser tun, wenn er sich für das Projekt engagieren möchte?

Über die Jahre, die ich in Afrika mit Mercy Ships gearbeitet habe, habe ich immer wieder gesehen, wie wichtig es für alle von uns ist zusammenzuarbeiten. Die Partnerschaft zwischen Unternehmen wie Dürr Dental und Mercy Ships ist essenziell, um zu sehen, dass Hilfe zu einigen der ärmsten Menschen in unserer heutigen Welt gelangt. Diese Partnerschaften machen wirklich einen Unterschied. Ich habe das die letzten 27 Jahre mit meinen Augen gesehen. Ich bin sehr dankbar für die Großzügigkeit von Dürr Dental und auch für das Interesse der Mitarbeiter dieses großartigen Unternehmens daran, Afrika zu helfen.

Wenn Leser sich ehrenamtlich für Mercy Ships engagieren wollen, gelangen sie über die Website » www.mercyships.org zum deutschen Büro von Mercy Ships. Dort werden Fragen beantwortet - auch dazu, wo der Prozess, auf das Schiff zu kommen, beginnt.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Parker!

*) Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die globalen Folgen von Krankheit, 2002).

Veröffentlicht von: rf/tk 04/14
Die „Africa Mercy“: Das weltweit größte schwimmende Hospital

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