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17.11.2015

„An einem Abszess stirbt hier niemand mehr – in Madagaskar schon“

Zahnärztin Jana Brandner und Dentalhygienikerin Katharina Hailer im Einsatz auf der Africa Mercy. Katharina Hailer ist Dentalhygienikerin und arbeitet in einer Zahnarztpraxis in Türkheim. Vor einigen Jahren veränderte ein schwerer Autounfall ihr Leben. „Ich wäre fast gestorben“, erzählt sie. „Meine Überlebenschancen waren sehr gering.“ Dass sie es dennoch geschafft hat und keine bleibenden Schäden davon getragen hat, grenzt an ein Wunder. Sie verdankt es guten Ärzten, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. „Andere Leute auf dieser Welt haben nicht dieses Glück, weil einfach kein Arzt da ist, das ist mir damals bewusst geworden. Deshalb wollte ich meinen Teil dazu beitragen, das zu ändern – nicht nur mit Spenden, sondern mit meinem Können.“ Sie bewarb sich für einen Einsatz auf der Africa Mercy, dem hochmodern ausgestatteten Flaggschiff der Hilfsorganisation Mercy Ships, das medizinische Hilfe zu den ärmsten Menschen entlang der afrikanischen Küste bringt. Im Februar 2015 machte sie sich auf den Weg nach Madagaskar. Aus einer anderen Motivation heraus traten Zahnärztin Jana Brandner und ihre beiden Assistentinnen Sabine Hänert und Michaela Rothfeld aus Jena im April dieses Jahres ihren zweiwöchigen Dienst auf der Africa Mercy an. Auch sie wollten armen Menschen in anderen Teilen der Welt helfen, aber zugleich auch ihre Belastbarkeit und ihren Teamgeist auf die Probe stellen.

Himmel und Hölle zugleich

Auf den ersten Blick ist Madagaskar ein Traumreiseziel: weiße Strände, Palmen, geheimnisvolle Buchten und Pfefferplantagen, das Rauschen des Indischen Ozeans und exotische Tiere. Doch für Kranke kann es die Hölle sein, sagt Katharina Hailer: „Durchschnittlich 29 Ärzte kommen auf 100.000 Einwohner, die sich eine Behandlung in der Regel aber ohnehin nicht leisten können“, so die Dentalhygienikerin. „In langen Schlangen warteten die Menschen nach tagelangen Fußmärschen geduldig auf ihre Behandlung – entweder vor dem Hospitalschiff, das im Containerhafen von Tamatave ankerte, oder vor der Zahnklinik an Land, in der ich eingesetzt war. Viele konnten nicht einmal lesen und schreiben und mussten daher den Anamnesebogen mit ihrem Fingerabdruck ‚unterschreiben‘.“ Und Katharina Hailer weiter: „In Madagaskar sind die meisten Menschen bitterarm und gehen erst zu einem Zahnarzt, wenn es nicht mehr anders geht, das heißt, wenn die Schmerzen so groß sind, dass Zähne gezogen werden müssen.“

Zähne ziehen im Akkord

„Tagsüber zogen wir Zähne im Akkord – ca. 60 Zähne pro Tag“, berichtet Jana Brandner. „Bei insgesamt 60 - 80 Patienten im Durchschnitt blieb kaum Zeit für private Gespräche. Es ging vorrangig darum, möglichst viele von ihren Zahnschmerzen zu befreien – das bedeutete in über 90 Prozent aller Fälle die Extraktion. Die Menschen auf Madagaskar haben fast alle einen sehr schlechten Zahnstatus, vor allem durch Fehlernährung und mangelnde Mundhygiene“, so Jana Brandner. „Sie sind in Bezug auf Zahnpflege völlig ahnungslos, denn es fehlen schlichtweg die nötige Bildung und die finanziellen Mittel, um Zahnbürsten und Zahnpasta zu kaufen. » Mercy Ships verschenkt daher auch Zahnputzsets, außerdem waren bei meinem Einsatz einheimische Helferinnen vor Ort, die Patienten im Warteraum anhand von Bildtafeln und anderen Anschauungsmaterialien über die Bedeutung der häuslichen Zahnpflege informierten und im Umgang mit Zahnbürste und Zahnpasta schulten.“

Bewegende Einzelschicksale

Für schwierige Fälle und größere chirurgische Eingriffe stehen auf der Africa Mercy fünf moderne OP-Säle zur Verfügung, bis zu 400 Ärzte und Helfer sind auf dem Schiff tätig. Die Behandlung ist für die Patienten kostenlos und kommt vor allem Menschen zugute, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Katharina Hailer erinnert sich noch gut an einen Mann, der einen Abszess im Kiefer hatte und gerade noch rechtzeitig zur Behandlung auf das Schiff kam: „Wenn er noch länger gewartet hätte, wäre er gestorben“,
sagt Katharina Hailer betroffen. „So etwas ist für uns kaum vorstellbar, denn hierzulande stirbt in der Regel niemand mehr an einem Abszess.“

Auch Jana Brandner machte Erfahrungen, die sie nicht mehr vergessen kann. „Einmal haben wir einem 12-jährigen Kind sämtliche Frontzähne gezogen, weil sie alle kaputt waren. So etwas geht einem schon sehr nahe“, sagt die Zahnärztin. „Auch bei vielen jungen Frauen und Männern mussten ganze Zahnreihen gezogen werden, da die Zähne schon so zerstört waren.“

Besonders stressig empfand sie im Arbeitsalltag die enorme Geräuschbelastung in dem Behandlungsraum, der zwar klimatisiert war, aber in dem neun Behandlerteams parallel im Akkord arbeiteten. Bei den Behandlungen blieb kaum Zeit, um auf die Ängste der Patienten, vor allem der Kinder, einzugehen. Katharina Hailer machte ähnliche Erfahrungen: „Viele Kinder sind Waisen und leben in SOS-Kinderdörfern. Sie wurden gruppenweise mit dem Bus zu unserer Zahnbehandlung gefahren und natürlich fehlten die Anwesenheit und Zuwendung von Mama oder Papa. Viele der Kleinen hatten Angst vor der Behandlung und schrien. Doch darauf konnten wir kaum Rücksicht nehmen, irgendwie musste es gehen, denn es war ihre einzige Chance für eine Behandlung. Das war teilweise schon sehr belastend.“

Positives Resümee

So individuell wie die ehrenamtlichen Einsätze der beiden deutschen zahnmedizinischen Fachkräfte auf dem Schiff der Hilfsorganisation waren, so ähnlich ist das Fazit, das beide aus ihrem Einsatz ziehen: „Der Einsatz hat unser Leben sehr bereichert und unsere Sicht auf die Welt verändert“, sagt Jana Brandner. „Uns ist bewusst geworden, unter welch glücklichen Umständen wir in Deutschland leben. Und auch wenn es nur punktuelle Hilfe war, die wir leisten konnten, so hatten wir doch das Gefühl, dass diese den Menschen auf Madagaskar sehr wichtig war und unsere Arbeit sehr geschätzt wurde.“ Und Katharina Hailer ergänzt: „Himmel und Hölle liegen in Madagaskar eng beieinander. Abgeschreckt hat mich das aber nicht. Ich würde das nächste Jahr gerne wieder an einem Einsatz teilnehmen. Die Leute könnten einem zwar materiell nichts geben, doch ihre Dankbarkeit ist unbezahlbar.“

Veröffentlicht von: rf/tk 04/16
Landschaftlich reizvoll: Madagaskar ist auf den ersten Blick ein Traumreiseziel

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