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08.07.2016

„Deutsche Studenten nur darüber zu informieren, was in Deutschland geschieht, halte ich für anachronistisch“

Interview mit BdZM-Vorsitzendem Kai Becker. Der Bundesverband der Zahnmedizinstudenten in Deutschland e.V. (BdZM) verleiht Studenten, die sich an einer der 30 deutschen Universitäten der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde widmen, eine Stimme. Das Ziel: Interessen und Wünsche von geschätzt 13.000 zukünftigen Zahnärzten zu bündeln und voranzutreiben. Kai Becker studiert im zehnten Semester in Hamburg und ist seit Juni 2014 erster Vorsitzender des Vereins. Im Interview spricht der 22-Jährige unter anderem über die neue Approbationsordnung, die Beziehung zwischen zahnärztlicher Industrie und Studium und über Herausforderungen von morgen.

D’life: Herr Becker, was hat Sie dazu veranlasst, sich beim BdZM zu engagieren?

Meine Neugier herauszufinden, was an anderen Universitäten besser funktioniert als an meinem Studienort Hamburg, hat mich früh zu den » Bundesfachschaftstagungen (BuFaTa) geführt. Jede Hochschule hat unterschiedliche Probleme und für viele Probleme hat eine der deutschen Fachschaften eine Lösung. Auf den BuFaTas habe ich dann bemerkt, dass es vor allem der » BdZM ist, der die nötigen Strukturen schafft, um den Austausch der Fachschaften zu ermöglichen und überregionale Projekte zu organisieren.

Hinzu kommt, dass es mir Spaß macht, über den Tellerrand zu schauen und im Studium mehr zu lernen als zahnmedizinisches Fachwissen. Ich wollte die Organisation von Berufspolitik und Wissenschaft in Deutschland verstehen und vermitteln, indem ich aktiv an diesen Prozessen mitwirke.

Letzten Endes hat mich mein Vorgänger Arthur Heinitz zum BdZM geholt und dazu ermutigt, mich im Juni 2014 der Vorstandswahl zu stellen. Meine Amtszeit geht im Juni dieses Jahres auf der BuFaTa in Erlangen zu Ende.

Der Vorstand hat sich einige Ziele gesetzt. Gibt es schon konkrete Fortschritte?

Eines unserer Hauptziele war die Verbesserung der Kommunikation zwischen den Universitäten über die zwei Wochenenden der BuFaTas hinaus. Das ist uns gelungen, indem wir die verschiedenen Möglichkeiten, die das Internet bietet, geschickt einsetzen. Besonders der E-Mail-Newsletter, den wir 2016 neu aufgelegt haben, hilft uns im Kontakt mit den Fachschaften – einerseits um Informationen zu kommunizieren, andererseits gewinnen wir durch die Antworten oder mittels eingebetteter Umfragen wertvolle Einblicke. Darüber hinaus werten wir die Klick-Statistiken aus und sehen so, welche Themen im Mittelpunkt des studentischen Interesses stehen. Wir pflegen außerdem so genannte BdZM-Universitätskontakte, die uns telefonisch zur Verfügung stehen und mit denen wir regelmäßig Gespräche führen, um stets auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Der Vorstand hat im Laufe der letzten zwei Jahre seinen Wirkungskreis deutlich erweitert. Unter anderem sind wir wieder in unseren internationalen Dachverbänden » EDSA und » IADS aktiv. Im Kontext eines sich immer enger zusammenschließenden Europas und einer globalisierten Welt ist dies dringend notwendig und hilfreich. Deutsche Studenten nur darüber zu informieren, was in Deutschland geschieht, halte ich für anachronistisch.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist soziales Engagement in der Zahnärzteschaft. Um diese Aktivitäten schon in den Jahren des Studiums erfahrbar zu machen, sind wir eine enge Kooperation mit der »Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zur Registrierung von Stammzellspendern im Kampf gegen den Blutkrebs eingegangen. Wir informieren die Fachschaftsmitglieder über Blutkrebs und ermutigen sie, mit der DKMS Registrierungsaktionen für die Studenten an den jeweiligen Standorten zu organisieren - mit großem Erfolg.

Auch der diesjährige Studententag in Frankfurt im Rahmen des Zahnärztetags geht in die Richtung ehrenamtliches Engagement. Diesmal ist das Thema „Famulatur und Auslandseinsatz – Herausforderungen, Möglichkeiten und Realität“.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte im Zuge der Gestaltung der neuen Approbationsordnung?

Diese Neuerung ist essentiell für die Modernisierung des Zahnmedizinstudiums. Sie gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen unter anderem der » Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Zahnmedizin (NKLZ) die Kompetenzen definiert. In erster Linie ermöglicht die neue Approbationsordnung ähnlich gute Studienbedingungen an allen Universitäten. Zum Beispiel durch verpflichtende integrierte Kurse, die Studenten anleiten sollen, Patienten nach ihren Bedürfnissen in Kons und Prothetik zu behandeln – unabhängig von den gerade aktuellen Kursinhalten. Auch die Betreuungsrelation verbessert sich spürbar.

Dies ist dringend notwendig, um Studenten zu berufsfähigen Zahnärzten auszubilden.

Außerdem wird die Präventive Zahnheilkunde in der neuen AOZ endlich zum wichtigen Aspekt und erhält sinnvollerweise wesentlich früher einen Platz im Studienplan.

Der BdZM strebt eine verstärkte Zusammenarbeit mit Studentenvertretungen der Humanmedizin wie der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) an. Wo sehen Sie hier Überschneidungen der Interessen, wo die Unterschiede und wo die Chancen für gemeinsame Projekte?

Die » bvmd ist quasi die große Schwester, zu der wir voller Anerkennung aufschauen. Als deutlich größerer Verband sind die Strukturen und die Organisation professioneller als bei uns. Das ist aber nicht schlimm, sondern hilfreich, weil wir uns an deren guten Ideen orientieren und mit einem starken Partner zusammenarbeiten.

Ein Beispiel: Auch wir agieren jetzt als Dachverband der Fachschaften. Der BdZM wächst weiter, ebenso wie die Strukturen innerhalb der Zahnmedizin. Das heißt, dass wir ab dem Sommer auch zu einer noch engeren und projektbezogenen Kooperation u. a. mit der bvmd in der Lage sind, nachdem wir im März ein interdisziplinäres Treffen mit den medizinnahen Verbänden hatten.

Einige Vertreter der zahnmedizinischen Industrie unterstützen auch studentische Interessen. Sehen Sie hier noch mehr Potenzial? Welche Art der Förderung erscheint Ihnen besonders sinnvoll?

Die Industrie ist essentieller Partner der Zahnmedizin und deshalb auch für uns Studenten interessant. Wir wissen das zu schätzen und zu nutzen. Viele der studentischen Initiativen und Veranstaltungen funktionieren sogar erst durch Industriesponsoring, beispielsweise die BuFaTa. Das ist eine “Win-win-Situation” für alle: Die Studenten haben die Möglichkeit des universitären und fachlichen Austauschs, während die Industriepartner zweimal jährlich ihre Kunden von morgen vor Ort haben.

Wichtig ist uns hierbei, dass wir den Studenten das gesamte Spektrum der Anbieter präsentieren. Nur dann ist es ihnen möglich, das Gehörte und Gesehene zu vergleichen und sich eine Meinung zu bilden. Gleichzeitig profitieren die Studenten von der Konstanz der Partner. Sie kennen ihre Ansprechpartner für Produktinnovationen bereits und können an vorangegangene Workshops oder Demonstrationen anknüpfen.

Vor allem in der Kontinuität sehen wir noch Potenzial, auf dem die Anbieter aufbauen könnten. Die Zusammenarbeit läuft aber bereits sehr gut, wie wir am Beispiel der BuFaTa sehen. Darauf aufbauend organisieren die Fachschaften außerdem zahlreiche lokale Events an den jeweiligen Standorten.

Wie sehen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen für die zahnmedizinische Ausbildung in Zukunft aus. Welche Themen werden an Bedeutung gewinnen?

Das Zahnmedizinstudium ist sehr kostenintensiv. Die Tatsache ist nicht neu – aber auf diesem Fundament bauen alle weiteren Gedanken auf. Ein Gesichtspunkt ist die geringe Anzahl der verfügbaren Studienplätze. Dies bedingt, dass an vielen Hochschulen über den Abiturdurchschnitt entschieden wird, womit aber fast alle Beteiligten nicht mehr zufrieden sind. Deshalb wird in den nächsten Jahren die Herausforderung auf uns zukommen, ein sinnvolles Auswahlverfahren zu entwickeln.

Der hohe Kostenaufwand hat ein weiteres Problem geschaffen: Die Modernisierung des Studiengangs im Rahmen einer neuen Approbationsordnung für Zahnmediziner (AOZ) ist so teuer, dass sie bisher stagniert. Einige Universitäten sind willens, auch ohne neue AOZ deutliche Verbesserungen zu erzielen, und verfügen auch über die Möglichkeiten hierzu – andere leider nicht. Vergleichen wir derzeit die Standorte im CHE Hochschulranking gibt es eine Spitzengruppe, die einer Gruppe gegenübersteht, die das „Schlusslicht“ darstellt. Jeder ausgebildete Zahnarzt sollte aber die Ausbildung lege artis erhalten haben. Die Informationen zu kaum tragbaren Zuständen an einigen Standorten bereiten uns Kopfzerbrechen. Einen Ausweg sehen wir nur in der neuen AOZ. Die zu Beginn dieses Jahres eingeführte freiwillige Modellstudiengangsklausel würde die Unterschiede eher weiter verstärken.

Zu guter Letzt gewinnt das Thema „Zahnärztliche Berufsausübung“ im Hinblick auf europäische Diskussionen zur Einengung der Freiberuflichkeit an Bedeutung.

Wir werden mit den Studenten in den nächsten Jahren intensiv darüber diskutieren, in welcher Form sie später arbeiten möchten und hoffentlich gemeinsam für einen Erhalt der Freiberuflichkeit mitsamt den Strukturen der Selbstverwaltung kämpfen.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Veröffentlicht von: ml/rf
Der Vorstand des Bundesverbands der Zahnmedizinstudenten in Deutschland e.V.

Der Vorstand des Bundesverbands der Zahnmedizinstudenten in Deutschland e.V.