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08.07.2016

Die Masse begeistern

Mit kleinem Einsatz Filmrechte sichern, eine neue Software finanzieren oder in den medizinischen Fortschritt investieren – Crowdfunding macht es möglich. Mal ehrlich: Haben Sie schon etwas von „Crowdfunding“ gehört? Wenn nicht, dann sollten Sie diesen Artikel aufmerksam lesen, denn der Begriff, der auf Deutsch mit „Schwarmfinanzierung“ übersetzt wird, gewinnt zunehmend auch in der Healthcare-Branche an Bedeutung. Die ungewöhnliche Methode der Geldbeschaffung, die vor circa 10 Jahren in der US-amerikanischen Künstlerszene entstanden ist, ist ebenso einfach wie effektiv: Es geht darum, kreative Ideen und Geschäftsmodelle über spezielle Plattformen im World Wide Web bekannt zu machen und im Kollektiv zu finanzieren – mit einem geringen Einsatz für den Einzelnen und unabhängig von Banken und Großinvestoren.

Sie tragen klingende Namen wie „Kickstarter“, „Indiegogo“, „Seedmatch“ oder „Startnext“ und bieten Einzelpersonen, Start-ups und Unternehmen die Möglichkeit, ihre Ideen im Internet zu präsentieren – die Rede ist von Crowdfunding-Plattformen. Nach der Online-Anmeldung kann im Prinzip jeder kreative Kopf seine „Aktion“ vorstellen und die anderen Nutzer auffordern, ihn bei der Umsetzung finanziell zu unterstützen. Ob vegane Joghurts, überdimensionale Rechen, die Müll aus dem Meer filtern, Supermärkte, die ohne Verpackungen auskommen, neue Software-Entwicklungen, Filmprojekte oder Lasertechnik – dem Einfallsreichtum sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Eine Garantie, dass sich genügend Investoren für ein Projekt finden, gibt es allerdings nicht. Erfolg hat derjenige, dem es gelingt, die Masse mitzureißen. Das schaffen im deutschen Raum immerhin knapp 60 Prozent der Ideengeber.

Mit kleinem Einsatz viel bewirken

Jede Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch eine Vielzahl von Nutzern (= engl. Crowd) in einem festgelegten Zeitraum finanziert sein muss, damit das Projekt zustande kommt. Im Verhältnis zur Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Crowd nur einen geringen finanziellen Anteil. Das Finanzierungsvolumen, die Laufzeit des Projekts und den Mindestbetrag pro Investor legt der Initiator der Aktion selbst fest. Das können 5 Euro sein, aber auch 500 Euro oder mehr. Auf den großen US-Plattformen erreichen die Finanzierungsvolumina nicht selten den Millionenbereich.

Gelingt es dem Ideengeber, sein Projekt über die Crowd zu finanzieren, erhalten die Unterstützer in der Regel eine Gegenleistung. Art und Umfang dieser Gegenleistung richtet sich nach dem Crowdfunding-Modell, das der Ideengeber gewählt hat.

Man unterscheidet Klassisches Crowdfunding, Spenden-Crowdfunding und Rendite-Crowdfunding. Beim Spendenmodell steht das Unterstützen eines sozialen Projekts im Vordergrund, die Investoren erhalten dafür keine materielle Gegenleistung. Ihr finanzielles Engagement wird lediglich mit dem guten Gefühl belohnt, einen Beitrag zu einem sinnvollen Projekt geleistet zu haben. Auch beim Klassischen Crowdfunding erhalten die Mitstreiter nur nicht-monetäre Gegenleistungen, z.B. Anteile an dem Projektergebnis in Form von Filmrechten, einer Musik-CD oder dem Exemplar eines Buches. Anders verhält es sich beim Rendite-Modell. Hier werden die Investoren am Projekterfolg beteiligt und erhalten ihr Geld zu einem fest vereinbarten Zinssatz zurück.

Ursprünglich kommt Crowdfunding aus den USA. Im Jahre 2006 gingen dort die ersten Plattformen online. Sie dienten damals noch hauptsächlich dazu, Spendengelder für soziale Zwecke zu sammeln (z.B. Mikrokredite für Kleinbauern in Entwicklungsländern) oder Nischenprojekte aus der Künstlerszene vorzufinanzieren. Bis die ungewöhnliche Methode des „Geldsammelns“ ihren Weg über den „großen Teich“ nach Europa fand, dauerte es noch einige Jahre. In Deutschland rückte Crowdfunding erstmals 2011 in den Blickpunkt einer breiten Öffentlichkeit mit der erfolgreichen Schwarmfinanzierung des Kinofilms „Stromberg“. Die Kampagne löste geradezu einen Hype um Crowdfunding aus, in dessen Folge viele neue Plattformen an den Start gingen.

Interessante Optionen auch für die Healthcare-Branche

Auch für die Gesundheitsbranche ergaben sich damit neue Möglichkeiten. So gründeten die Amerikanerin Molly Lindquist und ihr Ehemann, der Narkosefacharzt Dr. Scott Finkelstein, beispielsweise die gemeinnützige Crowdfunding-Plattform „Consano“, mit deren Hilfe sie Menschen dazu auffordern, Hilfsgelder an medizinische Forschungsprojekte zu spenden.

Die deutsche Plattform „aescuvest“ hat sich dagegen zum Ziel gesetzt, ausschließlich medizinisch relevante Produkte und Dienstleistungen zu fördern. Eines der im vergangenen Jahr vorgestellten Projekte nannte sich „Anamneseguide“: Hierbei handelt es sich um eine spezielle Software, die den Arzt dabei unterstützt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen zu stellen, unabhängig von seinem Fachgebiet und Blickfeld. Die Software vereint die Anamnesefunktion mit einer Diagnosendatenbank. Anhand der Symptome und Laborwerte, die der Nutzer manuell eingibt, stellt der Anamneseguide detaillierte Fragen nach weiteren Symptomen, Risikofaktoren sowie Vor- und Begleiterkrankungen, die sich auf die zum jeweiligen Zeitpunkt wahrscheinlichsten Diagnosen beziehen. Technisch greift die Software dafür auf ein künstliches, neuronales Netz zurück, um weiterführende Fragen auszuwählen und Antworten in Form von Differenzialdiagnosen zu generieren. Gleichzeitig sind die Algorithmen der Software darauf ausgerichtet, auch weniger wahrscheinliche Diagnosen in den „Überlegungen“ zu berücksichtigen.

Zwei kreative Köpfe, die sich ebenfalls vom Crowdfunding-Ansatz inspirieren ließen, sind die Biochemikerin Dr. Martina Schad und der Physiker Dr. Jim Kallarackal. Sie gründeten 2011 „OakLabs“. Für die Entwicklung ihres „PCRdrive“ und „SimPCR Kit“ suchten sie Crowdinvestoren, das Finanzierungsvolumen lag bei 500.000 Euro. Ihre Idee: die PCR-Standardanalysemethode der Molekularbiologie durch Einsatz von Gaming-Technologie zu revolutionieren. PCR dient dazu, Infektionskrankheiten festzustellen, verdorbene Lebensmittel zu analysieren und genetische Fingerabdrücke oder Abstammungsgutachten zu erstellen. Die Idee von OakLabs war, den Analyseprozess durch die Molekülsimulation auf Grafikkarten um das Zehnfache zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Das Finanzierungsziel erreichten sie noch im gleichen Jahr.

Ein anderes Beispiel ist „uBiome“, ein Crowdfunding-Projekt, das auf der amerikanischen Plattform „Indiegogo“ vorgestellt wurde und für eine neuartige Analyse der körpereigenen Mikroben wirbt. Die Kampagne nahm mehr als 350.000 US-Dollar ein. Eine weitere Aktion des gleichen Ideengebers, der „Dental Genome Kit“, mit dem die mikrobiellen Ursachen von schlechtem Atem anhand einer Speichelprobe sichtbar gemacht werden können, erzielte rund 60.000 US-Dollar und wurde ebenfalls von 331 Investoren unterstützt.

Veröffentlicht von: ml/rf
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