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17.11.2015

Ein dentaler Kosmopolit

Interview mit Prof. Dr. med. dent. Jean-François Roulet. Er ist Schweizer Staatsbürger, lebt heute – nach Stationen in Bern und Zürich, Berlin und Liechtenstein – in Florida/USA und lehrt dort an der University of Florida in Gainesville. Er hat in Australien ebenso referiert wie in Russland, in Japan und China. Er ist ein weltweit vernetzter Wissenschaftler und Forscher, international publizierter Autor und Mitbegründer der ZMP-Ausbildung in Deutschland, Chefredakteur, Manager und Berater. Vor allem ist Prof. Dr. med. dent. Jean-François Roulet aber Zahnarzt. D’life traf den dentalen Kosmopoliten in Berlin - „auf dem Sprung“ nach Asien, wo er in Singapur, Manila, Sebu (Philippinen), Kuala Lumpur (Malaysia), Bangkok (Thailand) und auf Bali (Indonesien) Vorträge hält.

D’life: Mit weit über 65 sind Sie eigentlich Pensionär. Warum sind Sie immer noch weltweit im dentalen Einsatz?

Aus lauter Freude! Als ich mich 2002 der neuen Herausforderung bei Ivoclar Vivadent stellte, war ich der Überzeugung, dort bis zum Abschluss meiner Karriere mehr in der Zahnmedizin bewegen zu können, als zu meiner Zeit als Professor an der Charité. Der Ruf an das » College of Dentistry an der University of Florida kam überraschend und zeitlich perfekt. Ich war gerade mal für fünf Tage Pensionär. Ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Denn ich erachte es auch als Pflicht, meine große Erfahrung als Wissenschaftler und Chefredakteur an junge Forscher weiterzugeben.

Was fasziniert Sie an der Zahnheilkunde?

Die Schnittstelle zwischen Medizin (Biologie) und Ingenieurwissenschaften. Zudem bewegen wir uns in einem Gebiet, in welchem die häufigsten Erkrankungen gut untersucht sind, was uns die Möglichkeit eröffnet, Kausal-Therapie, sprich Prophylaxe, zu betreiben. Das ist das Beste, was wir für unsere Patienten tun können.

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Schwierige Frage. Wenn ich gut darüber nachdenke, sind es eigentlich zwei Dinge: Einmal ist es mir gelungen, gegen den Widerstand meiner universitären Kollegen, die glaubten, man könne aus ganz vielen Gründen in Deutschland keine zahnmedizinische Individualprophylaxe betreiben, zusammen mit einer kleinen, aber aktiven Gruppe von Freunden in Berlin eine Ausbildung für Prophylaxeassistentinnen zu initiieren. Rückblickend freut es mich sehr, dass Dinge, die ich 1987 in meiner Antrittsvorlesung in Zürich unter dem Titel „Die Zukunft der Zahnmedizin“ prognostiziert habe, inzwischen Realität geworden sind.

Globalisierung könnte für die Zahnheilkunde wortwörtlich in aller Munde sein. Gibt es so etwas wie eine globale Zahnmedizin oder Forschung?

Jein! Ja, die dentalen Forscher sind weltweit vernetzt. Zudem sind alle Publikationen für jeden zugänglich. An Kongressen trifft man seine fachlichen Kollegen. Wenn es zur Forschungsförderung kommt, gibt es markante nationale Unterschiede, indem die nationalen Verantwortlichen verschiedene Schwerpunkte setzen, welche die Forschung in geplante Bereiche verlegen.

Für die Ausübung der Zahnmedizin gibt es in diesem Sinn keine Globalisierung, obwohl man meinen müsste, dass mit der Globalisierung des Wissens alle zu denselben Schlüssen kommen müssten. Fakt ist, dass die Art und Weise, nach welcher praktiziert wird, im Wesentlichen durch das lokal vorhandene Gesundheitssystem diktiert wird. Fördert das System Prothetik, so wird der Schwerpunkt Prothetik gesetzt. Fördert das System Prophylaxe, so wird die Bevölkerung vorwiegend prophylaktisch versorgt.

Trotz Trend zu größeren oder Gemeinschaftspraxen ist in Deutschland die Einzelpraxis nach wie vor die häufigste Praxisform. Wohin geht der Trend in Amerika?

Auch in den USA ist die Einzelpraxis die traditionelle Praxisform. Ich glaube aber, dass zunehmend Gruppenpraxen gebildet werden, insbesondere unter Spezialisten. Geschichtlich gesehen bezahlt in den USA der Patient selbst für die Behandlung, mit dem Ergebnis, dass viele Patienten einfach nicht zum Arzt/Zahnarzt gehen. Das ist aber im Umbruch. Versicherungen aller Schattierungen tummeln sich im Dentalmarkt, was zu einem großen Kostendruck für die Praxen führt. Daher sind zahnärztliche Großunternehmen im Entstehen, die regional oder überregional die Bevölkerung zahnärztlich versorgen. Das bedeutet, dass Zahnärzte mehr und mehr als Angestellte arbeiten.

Wo sehen Sie die Zukunft der Zahnmedizin – werden mehr Biologie und mehr Medizin die Zahnmedizin prägen und welche Relevanz haben Ihre Erwartungen für die Zahnarztpraxis?

Dank der Fortschritte in der Molekularbiologie lernen wir mehr und mehr im Detail die Prozesse in unserem Körper zu verstehen. Zudem eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten zur Therapie. Sicherlich ist die Zeit hierfür noch nicht reif. Zudem stellt sich die Frage, ob sich der ungeheure Aufwand für eine Zulassung solcher Produkte für eine Firma, die Dentalprodukte herstellt, je lohnen wird.

Welche Rolle spielen digitale Technologien bei der Diagnostik und Behandlung heute und in Zukunft?

Progressive Zahntechniker haben längst das Wachsmesser durch die Computermaus ersetzt. CAD/CAM-Technologie erlaubt uns schon heute, preisgünstigere, präzisere und reproduzierbarere Restaurationen herzustellen. Hier befinden wir uns in einer großen Umbruchphase. CAD/CAM ist nicht der Tod der Zahntechnik, sondern deren Sprungbrett in die Zukunft. CAD/CAM-Restaurationen können manuell individualisiert werden und erfüllen schon heute höchste ästhetische Ansprüche. Bei aller Begeisterung für Ästhetik und die Herstellung schöner Zähne dürfen wir nicht vergessen, dass wir ZahnÄRZTE sind. Beschränken wir uns auf restaurative Techniken, besteht die Gefahr, dass wir dahin zurückgedrängt werden, woher wir geschichtlich kommen: Auf das Niveau des Kosmetikers/Frisörs! Auch in der Diagnostik wird die Digitaltechnik große Fortschritte bringen. Nicht nur in der Karies- und Parodontitisdiagnostik, wo ich im Einsatz von optischen Methoden in Verbindung mit Computertechnik exzellente Möglichkeiten für die Langzeitbeobachtung sehe. Zudem wissen wir heute, dass im Speichel viele Substanzen vorhanden sind, die als Indikatoren für Allgemeinerkrankungen gesehen werden. Somit kann ich mir vorstellen, dass der Zahnarzt der Zukunft eine wichtige Funktion in der Eingliederung und im Betrieb solcher Sensoren übernehmen wird. Stellen Sie sich vor, in Ihrer Brücke ist ein Multisensor installiert, der ständig Ihre Allgemeingesundheit überwacht und z. B. bei Vorliegen einer Anämie im Herzmuskel Alarm schlägt. Das rettet Menschenleben und verankert die Zahnmedizin fest als medizinische Disziplin! Etwas Besseres könnte unserem Beruf nicht passieren.

Vielen Dank für das Interview!

Veröffentlicht von: rf/tk 04/16
Prof. Dr. Jean François Roulet im D‘life Interview

Prof. Dr. Jean François Roulet im D‘life Interview